EVALUATION 1 :: Juni 2018

Als Verantwortliche nahmen zum Ende des Projekts Evelyne Walser-Wohlfarter (E) und Bernhard Richarz (B), die beiden Leiter von tanzfähig, dazu Stellung, was „Moving Beyond Inclusion“ für ihre Initiative gebracht habe.

Seid Ihr mit den Ergebnissen des Projekts zufrieden?

E :: „Moving Beyond Inclusion“ hat die Aktivitäten der Initiative tanzfähig bedeutend vorangetrieben und unser Netzwerk sehr vergrößert. Da spielte eine große Rolle, dass wir durch das Projekt Geld hatten, um bestimmte Vorhaben umzusetzen, und dass wir durch die Beteiligung an einem EU-Projekt, das zudem von der renommierten Londoner Compagnie Candoco geleitet wurde, als Gesprächspartner für andere interessant wurden. Die Konferenz „Stretching the Physicality of Dance“ war dabei bestimmt ein Höhepunkt. Dadurch hat sich zum einen unser Standpunkt verfestigt hat, was unser Anliegen ausmacht, und zum anderen wirkte sie sich positiv auf das Bild aus, das sich andere von uns machten. So habe ich den Eindruck, dass durch die Konferenz und das Projekt allgemein tanzfähig in der Berliner Szene und darüber hinaus nun ernster genommen wird als die Jahre zuvor und dass wir in zukünftige künstlerische Projekte mehr einbezogen werden.

B :: Ich kann das nur bestätigen. Das Projekt hat unsere Erwartungen voll erfüllt. Ergänzend zu dem, was Evelyne gesagt hat, will ich noch hervorheben, dass die regelmäßigen Treffen mit den Partnern wie eine Fortbildung wirkten, wie eine Tanz-Kompagnie zu leiten ist. Durch die Erfahrungen der Partner und der der eingeladenen qualifizierten Gäste kam sehr viel Kompetenz zusammen, was ein großartiges Lernfeld war. Dasselbe gilt ebenso für die beiden Tanz-Labs und die choreographischen Forschungstage, die für die Tänzer und Tänzerinnen sehr befriedigend waren.

 

Könnt Ihr bitte zusammenfassen, welchen Beitrag Eure Organisation zu den Gesamtergebnissen des Projekts geleistet hat?

B :: Unser wichtigster Beitrag war sicherlich die Konferenz. Durch die Vielzahl der Referenten und durch die sehr aufgeschlossenen Teilnehmer_innen konnte reflektiert werden, was das sein könnte, was der Projekttitel besagt: „Moving Beyond Inclusion“. Wir haben es zum einen im Thema der Konferenz versucht auszudrücken: es geht um eine Erweiterung des herkömmlichen Tanzkörpers, in dem andere Körperlichkeiten einbezogen werden, solche von älteren Menschen, mit Behinderungen oder anderen kulturellen Erfahrungen. Zum anderen haben wir es für unsere Initiative formuliert: es geht uns um eine Ästhetik der Differenz.

E :: Wir haben auch sehr gutes Material erstellt, was für die Öffentlichkeitsarbeit zu verwenden ist. Ganz besonders ist der Dokumentarfilm „Common Ground in Diversity“ hervorzuheben. Er dokumentiert nicht nur in aller Ausführlichkeit, wie Tänzerinnen und Tänzer mit verschiedenere Körperlichkeit gleichwertig miteinander tanzen können, sondern auch noch allgemeiner, wie heute zeitgenössische Choreographen arbeiten. Es geht dabei auch nicht um Behinderung als soziales Thema, sondern um Kommunikation durch Bewegung. Neben dem langen Film von über 90 Minuten haben wir aus dem Material noch einen Trailer erstellt sowie eine 15-minütige Zusammenfassung. Indem wir diese Version zusätzlich mit einer Audiodeskription versehen konnten, konnten wir ein gutes Beispiel dafür geben, wie Tanz überhaupt durch Audiodeskription für ein blindes oder sehbehindertes Publikum zugänglich gemacht werden kann. Es ist zudem eine Fassung, die auch die Wahrnehmung von sehenden Zuschauern schulen kann.

B :: Zu nennen ist auch die Dokumentation der Konferenz, zum einen auf der Website, zum anderen als Film mit deutschen und mit englischen Untertiteln. So kann die inhaltlich-theoretische Beschäftigung mit dem Thema noch weiter wirken.

 

Wie habt Ihr die Zusammenarbeit zwischen den Partnern erlebt?

B :: Die regelmäßigen Arbeitstreffen auf der Ebene von Mangement, künstlerischer Leitung und auch die Labs der Tänzer waren sehr hilfreich, um sich kennen zu lernen. Über die Zeit ist das Vertrauen zueinander gewachsen.

E :: Ich denke es waren alle sehr bemüht, das Projekt zu befruchten. Von Anfang an gab es eine große Aufgeschlossenheit und Neugierde für die Arbeitsweise der Partner; ihre unterschiedliche Schwerpunkte ergänzten sich gut.

B :: Die Treffen waren von dem Wunsch bestimmt, sich mit den anderen auszutauschen und von einander zu lernen. Die jeweiligen Stärken wurden anerkannt, und die Bereitschaft war groß, die vorhandenen Kenntnisse und Erfahrungen zu teilen, vor allem auch durch Candoco als den Lead Partner.

Gab es auch Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit oder bei der Durchführung des Projekts?

B :: Die anderen Partner kannten sich von vorherigen Projekten und anderen Kooperationen. tanzfähig war damit der einzige Partner, der neu und unbekannt in der Runde war. Zudem war tanzfähig der einzige Partner, der in der Leitung eine Person mit Behinderung hatte. Das eine wie das andere war in einzelnen Momenten spürbar, hat aber die Auseinandersetzung vor allem angeregt.

E :: Ich hatte mir vorgestellt, dass es mehr Zeit für den Diskurs von künstlerischen Fragen gegeben hätte. Leider konnte ich aus familiären Gründen am letzten Artistic Director Meeting nicht teilnehmen. Da hätte ich mir vorgestellt, mehr von den erfahrenen Pertnern lernen zu können, wie sie bestimmte künstlerische Fragen angehen und umsetzen.

 

Bitte erläutert noch, wie sich das Projekt auf Eure Organisation ausgewirkt hat.

E :: Das Projekt hatte große Auswirkungen auf unsere Initiative. Bereits bestehende Verbindungen wie zum HZT Berlin, den Uferstudios, der Tanzfabrik oder zu dem Choreographen-Duo matanicola wurden vertieft, neue Kooperationen wie die zum Dachverband Tanz Deutschland, der Gesellschaft für Tanzforschung oder den Sophiensälen als Spielstätte kamen hinzu. Andreas Guth, einer der Tänzer, die wir zum Lab nach Rovereto einladen konnten, nahm an der letzten Produktion von Michael Turinsky teil.

B :: Silke Schönfleisch-Backofen, eine andere der von uns benannten Tänzerinnen, hatte in dieser Zeit zusammen mit Dasniya Sommer mehrere sehr erfolgreiche Aufführungen ihres gemeinsamen Tanztücks „Bondage Duell“. Wir selbst brachten in der Zeit unsere vierte Produktion „Subjects of Position“ heraus, die Zwoisy Meras-Clarke choreografiert und eine gute Kritik bekommen hatte. Auch fühlten wir uns durch die verschiedenen Arbeitstreffen ermutigt, jetzt beim Berliner Senat einen ersten großen Antrag auf Förderung einer neuen Tanzproduktion mit der Choreographin Karina Suarez Bosche zu stellen.

E :: Weil tanzfähig an dem Projekt teilgenommen hat, bin ich eingeladen worden, auf einer Fachtagung in der Universität Mozarteum in Salzburg über „Moving Beyond Inclusion“ zu sprechen oder auf einem Musikschulkongress eine Arbeitsgruppe zum Thema Inklusion im Tanz anzubieten.

B :: Dazu kommt die Veröffentlichung unseres Konferenzbeitrags „tanzfähig – Unterwegs zu einer Ästhetik der Differenz“ im kommenden Jahrbuch der Gesellschaft für Tanzforschung, das im Herbst 2018 erscheinen wird. Auch sind wir mit unserer Initiative einer der acht Partner, die bei Tanzpakt Deutschland das Projekt „Making a Difference (MAD)“ erfolgreich beantragt haben.

 

Glaubt Ihr, dass die Ergebnisse des Projekts Auswirkungen auf nationaler / lokaler / regionaler Ebene haben?

B :: Es ist immer schwer zu sagen, was sich wie auswirkt, in wie weit etwas eine Folge des Projekts oder ob es einfach eine Strömung der Zeit ist.

E :: Doch, das denke ich schon, dass es da Auswirkungen gibt. Gerade das Projekt „Making a Difference (MAD)“ setzt in Berlin fort, was durch „Moving Beyond Inclusion“ von uns begonnen worden ist. Es ist schon etwas Besonderes, dass sich acht Institutionen der Berliner Tanzszene zusammen geschlossen haben, um in Berlin in verschiedenen Modulen die Mitwirkung von behinderten Tänzern und Choreographen voran zu bringen, und dass das Projekt dafür hohe Fördergelder aus Mitteln des Bundes und vom Land Berlin erhält.

B :: Es gibt schon auch noch anderes, was da zu nennen ist: Die Tanzfabrik ist verstärkt darin engagiert, ihre Unterrichtsangebote auch für Menschen mit Behinderungen zu öffnen, und im HZT Berlin wird überlegt, wie sie noch mehr Studenten mit Behinderungen für ihre Studiengänge gewinnen können. Beide Institutionen denken sehr darüber nach, wie sie ihre Lehrenden schulen können, besser mit Menschen mit Behinderungen in der Tanzausbildung umzugehen. Auch überregional gibt es derzeit in Deutschland ein großes Interesse an Tanz und Behinderung oder an anderen Körpern im Tanz. Viele Spielstätten oder freie Initiativen arbeiten an inklusiven Projekten. Auch für den Tanzjournalismus wird der Diskurs mehr ein Thema.

 

Habt Ihr noch weitere Bemerkungen, die das Projekt betreffen?

E :: Ich freue mich sehr, dass wir die Gelegenheit hatten, an diesem Projekt teilzunehmen. Da es unser erstes EU Projekt war, mussten wir aber auch lernen, wie wir gut damit umgehen können. Manches würden wir jetzt sicher anders machen.

B :: Der Aufwand war teilweise sehr groß und wurde teilweise nicht wirklich gedeckt. Vieles haben wir einfach getan, weil es uns wichtig war, es umzusetzen. Auch waren die Absprachen mit den Förderern teilweise sehr mühsam, und dann aber auch wieder überraschend unkompliziert.

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