:: LONDON :: 21.3.2018

 

:: GROSSBRITANNIEN ::

ZWEITES TREFFEN DER KÜNSTLERISCHEN LEITUNGEN ZUM KREATIVEN AUSTAUSCH

 

Nachdem sie am Vorabend eine Aufführung im Sadler’s Wells Theatre besucht und das Stück von Alain Platel „pour L.“ mit sehr gemischen Gefühlen erlebt hatten, waren die künstlerischen Leitungen der sechs Partner bzw. deren Vertretungen für ihre Sitzung zu Gast in den Esmee Fairbairn Offices im architektonisch eindrucksvollen Gebäude von Kings Place. Die Besprechung, an der u.a. Charlotte Darbyshire (Candoco Dance Company), Veera Suvalo Grimberg (Danskompaniet Spinn), Anna Consolati (Festival Oriente Occidente), Mrna Zagar und Iva Nerina (Hrvatski institut za pokret i ples HIPP), Susanne Schneider (BewegGrund) und Bernhard Richarz (tanzfähig) teilnahmen, hatte drei Schwerpunkte:

Zum einen blickten die künstlerischen Leiter auf die beiden Labs zurück, die im Rahmen des Projekts im August 2016 in Uddevalla und im September 2017 in Rovereto stattgefunden hatten. Am Beispiel einiger Tänzerinnen und Tänzer mit Behinderung hoben sie den Gewinn hervor, den die beiden Labs für deren künstlerisches Selbstverständnis erbracht hatten. Ausführlich beschäftigten sie sich mit der Frage, was die beiden behinderten Choreographen, Michael Turinsky und Chiara Bersani, im Vergleich zu den vier nicht-behinderten, nämlich Carl-Olof Berg, Colette Sadler, Fin Walker und Anouk Llaurens, spezifisch in die Labs eingebracht hatten. So waren sicher beide Rollenmodell für die Teilnehmer mit Behinderung, doch wirkte sich ihre Behinderung für ihre Tätigkeit als Choreografen unterschiedlich aus: Während Michael Turinsky bewusst aus der Besonderheit seiner Körperlichkeit heraus anleitete, schien für Chiara Bersani die Erfahrung der Behinderung für ihre choreografische Praxis keine wesentliche Bedeutung zu haben. Diese Beobachtung führte zur weitergehenden Frage, was bei Choreographen zu Quellen der Kreativität werden kann. Nahe liegenderweise, so hieß es, müsse es für Choreographen mit Behinderung nicht unbedingt ihre Körperlichkeit sein; doch hätten sie sich ihre eigenen Werkzeuge erwerben müssen, um choreographisch arbeiten zu können, da sie keine klassische Tanzausbildung gemacht hätten, wodurch ihr Ansatz geprägt und besonders sei.

Zum zweiten versuchten die künstlerischen Leiter sich darüber bewusst zu werden, was das Thema des Projekts, „Moving Beyond Inclusion“, eigentlich für ihre Tätigkeit bedeutete. Unter Berücksichtigung, dass in jedem der beteiligten Länder Inklusion anders verstanden und unterschiedlich verwirklicht sein dürfte, wurden dazu unterschiedliche Meinungen geäußert. Einige vertraten, dass es nicht nötig sei, darüber hinaus zu gehen, weil der Inklusion im Tanz ein eigener Wert zukomme, der bewahrt werden solle; andere verwiesen darauf, dass gerade mit dem Verweis auf Inklusion das Anormale erst bezeichnet werde. Ein Jenseits der Inklusion, so wurde übereinstimmend festgestellt, könne darin bestehen, dass für sie beim Tanz nicht nur der Körper gefragt sei, sondern die Tänzerinnen und Tänzer als Personen in den choreographischen Prozess einbezogen würden; indem im Prozess das Spezifische einer Körperlichkeit immer genauer benannt werde, löse sich die Kategorie von Behinderung auf und es ergebe sich ein anderer Umgang mit Zeit oder Energie. Wenn Tanz verlange, sich mit dem Körper auszusetzen und aus dem Körper heraus mitzuteilen, dann sei das Erzählen vom Körper, wie er ist, nicht Teil unserer Kultur und es dennoch zu tun, widerspreche der Norm. Ein Widerspruch sei es aber auch, so wurde das Gespräch fortgesetzt, eine inklusive ausgerichtete Tanzkompagnie betreiben und zugleich dem Mainstream angehören zu wollen; weil manche Tänzer mit Behinderung das nicht schaffen könnten, würde auch eine inklusive Kompagnie mit diesem Anspruch, unweigerlich Tänzer ausschließen. Es sei auch noch offen, so wurde ergänzt, was es für die Inklusion in einer Tanzkompagnie für Folgen habe, wenn Tänzer mit Behinderungen dabei seien, die darauf angewiesen seien, dass andere für sie eine Mitverantwortung übernähmen. Wichtig sei, so endete der lebhafte Meinungausstausch, die Klarheit in dem zu haben, was man verwirklichen wolle, denn daraus ergäben sich dann die Strukturen für die Arbeit.

Als drittes – und schon etwas erschöpft – sprachen die künstlerischen Leiter der beteiligten Projektpartner darüber, wie sie ihre Rolle als künstlerischen Leitung verstünden. Wiederum waren die Ansichten sehr unterschiedlich; und für einige war das Projekt hilfreich gewesen, ihr Selbstverständnis zu klären. Im einzelnen wurde von ihnen genannt: Es sei wesentlich,

  • um die künstlerische Ausrichtung zu wissen und darauf zu achten, sie umzusetzen;
  • dorthin zu gehen, wo neue Akzente gesetzt werden müssen; die Initiative zu ergreifen;
  • etwas zu ermöglichen und anderen ihre Aufgabe klar zu machen; die Strukturen der Organisation zu setzen;
  • zuzuhören, aufzunehmen und Möglichkeiten zu sehen;
  • die Arbeit der Gruppe nach außen zu vernetzen;
  • die Arbeit der Gruppe unabhängig von der eigenen Person zu machen;
  • im Wissen um die Tradition für Bestehendes dankbar zu sein und es zugleich zu hinterfragen.

Nach dem vielen, was bei diesem Treffen gesagt worden war, was sie zum Nachdenken angeregt hatte und was noch in ihnen weiter arbeitete, war es für die Teilnehmer ein passender Abschluss, sich noch einmal gemeinsam in Stille auf ihren Atem, ihren Körper und sich selbst zu beziehen.

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