:: ROVERETO :: 11.-15.9.2017

:: ITALIEN ::

2. CHOREOGRAPHISCHES LAB MIT ANOUK LLAURENS, CHIARA BERSANI UND MICHAEL TURINSKY

Am zweiten Lab nahmen insgesamt 28 Tänzerinnen und Tänzer der sechs Partnerorganisationen aus Großbritannien, Schweden, Italien, Kroatien, Deutschland und der Schweiz teil. Wie im Vorjahr waren für tanzfähig Alessandra Lola Agostini, Denise Kastler und Silke Schönfleisch-Backofen als Tänzerinnen beteiligt sowie Evelyne Walser-Wohlfarter als künstlerische Leitung und erstmals Andreas Guth als Tänzer.

Andreas: Ich habe erst mit dem Tanzen begonnen. Weil ich noch nicht viel Erfahrung mit Tanzworkshops hatte, war ich auf die Woche in Rovereto sehr gespannt und neugierig darauf, was mich alles erwarten würde.

Da die anderen wussten, was sie erwarten würde, stand bei ihnen die Vorfreude und das Wiedersehen im Vordergrund, aber sie hatten auch klare Vorstellungen, was sie erleben wollten.

Silke: Ein Jahr war es nun her, dass ich mit tanzfähig in Uddevalla gewesen war. Die Erinnerung daran ist gut, obwohl ich mich dort vor Ort behindert und durchaus traurig gefühlt hatte. Und trotzdem war ich nun voller Vorfreude. Ich konnte es kaum abwarten, wieder von neuen ChoreografInnen und TänzerInnen lernen zu dürfen.

Denise: Das Wiedersehen und der Austausch mit den Tänzer_innen, die auch im vergangenen Jahr teilgenommen hatten, war sehr erfreulich. Eine größere Vertrautheit war spürbar. Neben Erkundungen der eigenen Bewegungsmöglichkeiten interessierte mich sehr, wie andere Rollstuhlfahrer_innen sich bewegen und wie ich insbesondere mit ihnen, aber auch mit allen anderen tanzen möchte.

Aufbauend auf den Erfahrungen des ersten Choreographischen Labs in Uddevalla war es den Projektpartnern dieses Mal wichtig gewesen, zwei behinderte Choreographen einzuladen. Ihre Wahl fiel auf Michael Turinsky und Chiara Bersani; der dritte choreographische Workshop wurde von Anouk Llaurens geleitet, wobei dann wie im Vorjahr die drei Gruppen parallel arbeiteten. Die Morgen-Klasse fand zweimal mit allen Teilnehmern zusammen statt unter Leitung der neuen Intendantin der Candoco Dance Company Charlotte Darbyshire und zweimal war sie in zwei Parallegruppen aufgeteilt, wobei es in der einen unter Leitung von Toke Broni Strondby, Tänzer bei Candoco, mehr um die Entwicklung von Material in der Improvisation und in der anderen unter Leitung des Tanzwissenschaftlers Jürg Koch mehr um Komposition von gesetztem Material ging.

Silke: Die erste gemeinsame Morgenklasse geleitet von Charlotte Darbyshire begann so intensiv, wie meine Vorfreude war. Ich war bereit für Neues, tauchte sofort mit allen Sinnen in den Tanz ein und machte mich auf zu neuen Ufern. Meine Bereitschaft, mich zu öffnen, führte zu wunderbaren Begegnungen im Tanz und ermöglichte es mir, die verschiedenen Morning Classes als Grundlage für die danach folgende Arbeit mit Anouk Llaurens zu begreifen.

Lola: Das Angebot war sogar reichhaltiger als im vergangenen Jahr, was mir sehr zusagte. Zum einen hatten wir am Morgen für ein paar Tage ein Training mit Charlotte Darbyshire, das uns gut in Kontakt brachte. Dann hatte ich die Klasse mit Toke Strandby gewählt; dabei gefiel mir sehr, ein Training von einem Tänzer zu bekommen, der noch professionell in einer Kompanie arbeitet.

Denise: Die Morgenklassen mit Charlotte waren für mich sehr wahrnehmungsorientiert und ermöglichten ein behutsames Ankommen im Körper, in der Gruppe und im Raum; eine gute Einstimmung in die folgende Workshop-Arbeit, das passte super zusammen. Die Morgenklassen mit Jürg forderten mich physisch enorm, brachten mich an meine körperlichen Grenzen und waren eine echte Herausforderung, was mir sehr gefiel.

Auch für die Abende war einiges vorbereitet. So standen den Teilnehmern die Studios im modernen Festival Center von Oriente Occidente für eigene Forschungen zur Verfügung; an einem Abend sprachen drei behinderte Tänzer, nämlich Joe Brown, Alessandro Sciatarelli und Bernhard Richarz, über ihren persönlichen Weg im Tanz, und an einem weiteren Abend veranschaulichten einige Teilnehmer den anderen ihre eigenen Arbeiten mit Vorträgen und Videos.

Denise: Mir hat die Vorstellung von drei Tänzern und ihrer Geschichte bzw. Entwicklung sehr gefallen. Auch in den abendlichen Film-Zeiten wurden weitere persönliche Projekte vorgestellt, was die einzelnen Personen lebendiger machte, die Vielschichtigkeit von „Tanz“ verdeutlichte und Anregungen gab.

Lola: Die Abende, die wir hatten, um einige Personen und ihre Arbeit besser kennen zu lernen, begeisterten mich, konnte ich dabei doch sehen, wie Ideen und Empfindungen Menschen in sehr unterschiedlicher Weise voranbringen. An einem Abend lernte ich zusammen mit einer kleinen Gruppe eine Bewegungsfolge von Joel Brown, die er geschaffen hatte, weil er es liebt, auf dem Boden zu sein. Für mich war es ein bereicherndes Beispiel dafür, wie es möglich ist, mit dem eigenen Körper eine Bewegung von einem anderen zu lernen und dabei dessen tatsächliche Anantomie zu berücksichtigen. Es regte mich an, mich zu fragen, was mich zum Tanzen bringt: Ist es ein Bedürfnis, ist es eine Idee? Was ist genau der Ausgangspunkt, dass ich mich in einer bestimmten Weise bewege und nicht in einer anderen? Was wähle ich für einen Tanz, was ist körperlich vorgegeben?

Im Mittelpunkt des choreographischen Labs standen die drei Workshops. Andreas und Lola waren bei Michael Turinsky.

Andreas: Ich hatte mich für den Workshop bei Michael Turinsky entschieden, weil er als Tänzer und Performer mit derselben Behinderung, wie ich sie habe, mich sehr angesprochen hat. Ich fand es spannend zu beobachten, wie er sich als Tänzer bewegt und wahrnimmt, und konnte bei ihm viele Parallelen zu mir entdecken. Von Anfang an war es für mich einzigartig, mit professionellen Tänzern zu arbeiten. Ihr Gespür für Bewegung und Dynamik fand ich einfach klasse.

Lola: Michael Turinsky ging bei seiner Erforschung von Bewegung davon aus, was die besondere Art und Weise eines jeden einzelnen ist, wie er in der Welt ist. Das ging sehr tief, weil es das Individuum mit seiner eigenen Existenz verknüpft und ihm verdeutlicht, dass es einzigartig ist. Daraus ergab sich dann, dass man im Tanz seine eigene Körperlichkeit besser verstand.

Denise und Silke waren bei Anouk Llaurens.

Denise: Die Arbeit von Anouk Laurens war sehr fokussiert, hatte die ganze Gruppe im Blick und ermöglichte mir viele sehr interessante Erfahrungen. Dabei waren für mich die Übungen mit geschlossenen Augen besonders Gewinn bringend. Erneut war es erstaunlich zu bemerken, wie sehr nach Ausschalten des Visuellen die Raum- und Körperwahrnehmung durch andere Sinne erfolgte. Sehr deutlich konnte ich dieses Mal den Unterschied zwischen meinen Erkundungen am Boden und im Rollstuhl wahrnehmen: Gewichtsempfinden und Sicherheitgefühl änderten sich extrem. Durch das Ausweiten der Grundübung über mehrere Tage konnte ich mitwachsen und durch die längere Zusammenarbeit mit einem blinden Tänzer war es möglich, einen anderen intensiv kennenzulernen und mit ihm gemeinsame tänzerische Erfahrungen zu machen.

Silke: Ich habe Anouk Llaurens als sehr inspirierende und klar strukturierte Choreografin erlebt. Sie hat mir vermittelt, dass ich in mir die Freiheit habe, mit den mir originär zur Verfügung stehenden Mitteln zu experimentieren. Ich habe viele neue Ideen bekommen, wie ich mich aufs Neue zum Tanzen bereit machen kann, auch wenn meine Aufgabe dieselbe bleibt.

Die abschließende Evaluation mit allen Beteiligten war von der Aufforderung Susanna Recchias geprägt: „Erinnere eine Bewegung, die Dir geblieben ist, ein Wort, das Dir wichtig geworden ist, eine Entdeckung, die Du gemacht hast, eine Frage, die sich Dir nun stellt, und einen Wunsch, den Du jetzt hast.“ In ihren Rückmeldungen äußerten sich die vier Tänzer von tanzfähig alle sehr zufrieden über dies zweite choreographische Lab und waren sich sicher, ihre Erlebnisse zu Hause fortführen zu können.

Andreas: Die offene Art der Tänzerinnen und Tänzer fand ich sehr angenehm. Ich fühlte mich gleich als Teil der Gemeinschaft und wurde sofort als Tänzer wahrgenommen. Über Inklusion wurde nicht nur gesprochen; sie wurde gelebt, was mir als Mensch mit Behinderung gut tat und für mich eine willkommene Abwechslung zu meinem Alltag war. Mich hat die Woche bestärkt, mich als Tänzer im zeitgenössischen Tanz weiter zu entwickeln.

Denise: Die Woche bot mir diverse Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten. Die Anforderungen waren so, dass ich folgen und mich einbringen konnte und die ganze Woche als Prozess erlebte. Es war wichtig, ausreichend Zeit zu haben, um gemeinsame Bewegungserfahrungen entwickeln und Neues ausprobieren zu können.

Lola: Diese Möglichkeit, verschiedene Lehrer, verschiedene Klassen und verschiedene Forschungen zu erleben, dazu sich mit verschiedenen Leuten zu verbinden – das war genau das, was ich gebraucht hatte, um neue Inspirationen zu bekommen. Ich werde Diversität im Tanz weiter unterstützen, denn es bedeutet, die Welt in dem zu unterstützen, wie sie ist; dabei ist Diversität für mich ein breit gefasster Begriff und meint nicht nur die körperliche Vielfalt.

Silke: Nach den fünf Tagen fühle ich mich sehr bereichert und glücklich! Ich werde weiter an Performances über meine eigene Körperlichkeit arbeiten und ich werde immer wissen, dass ich aus meiner Zeit in Uddevalla und Rovereto Freunde habe, die ich um Unterstützung fragen kann, wenn ich mich verloren fühle und wenn ich nicht mehr weiß, wie ich weiter tanzen kann. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der, dass der begonnene Austausch weitergehen könnte.

Als künstlerische Leitung von tanzfähig hatte sich Evelyne Walser-Wohlfarter bewusst dafür entschieden, an den einzelnen Tagen die verschiedenen Klassen und Workshops der Choreographen zu besuchen, um dort ihre Eindrücke zu sammeln.

Evelyne: In dieser Woche in Rovereto wurde für mich ersichtlich, dass die Projektpartner inzwischen recht klare Vorstellungen von dem gewonnen haben, was sie mit dem Projekt erreicht wollen. Die Fragezeichen über den Köpfen der Teilnehmenden waren im Vergleich zum Lab in Uddevalla wesentlich weniger, die Gruppe in sich ruhiger und doch war sie lebendig und offen.
Spannend fand ich, die unterschiedliche Herangehensweisen der einzelnen ChoreographInnen beobachten und vergleichen zu können.

Dann bezog auch sie sich auf die Anregung, im Rückblick auf das Choreographische Lab eine Erkenntnis und einen Wunsch zu formulieren:

In einem Workshop hatte ich anfangs den Eindruck, dass schon lange Erprobtes „nur“ an die Teilnehmenden weitergegeben wurde. Umso anregender fand ich dann meine Erkenntnis, dass auch im Einfachen immer wieder Neues zu finden ist und es einer genauen und geschulten Betrachtung bedarf, dieses Neue im Alten zu finden. Gewünscht hätte ich mir, dass noch mehr Gewicht auf den künstlerischen Austausch gelegt worden wäre: einerseits zwischen den künstlerischen Leitungen der einzelnen Projektpartner und andererseits zwischen den eingeladenen Choreographen und den künstlerischen Leitungen. Ich glaube, dass damit noch mehr an Tiefe hätte gewonnen werden können.

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