:: BERLIN :: 23.-24.8.17

:: DEUTSCHLAND ::

ZUSAMMENFASSUNG DER ARBEITSGRUPPEN

KONFERENZ
Tanz Körper Erweiterung :: Stretching the Physicality of Dance

Mit pädagogisch, künstlerisch und wissenschaftlich ausgerichteten Fragestellungen wurde die Thematik der Konferenz in drei Arbeitsgruppen vertieft:

 

Die Arbeitsgruppe 1

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„Wie Differenz unterrichten?“ wurde von Silke Schönfleisch-Backofen moderiert. Im ersten der drei Impulsreferate führte Katharina Senk aus, dass dieses Wie an den Tanzfakultäten österreichischer Universitäten kaum anzutreffen und die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in die Tanzstudiengänge die Ausnahme sei; um daran etwas zu ändern, muss es ihrer Meinung nach sowohl von den Institutsleitungen gewollt als auch von den Studierenden verlangt sein. Um mehr darüber zu erfahren, was es bedeutet, in körperlicher Differenz zu unterrichten, wurde in den Impulsreferaten daher der außeruniversitäre Bereich einbezogen. Susanne Schneider zufolge, die über den von ihr geleiteten Verein BewegGrund in Bern berichtete, würden im gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Menschen zwar die jeweilige Tanzübung von jedem anders angegangen, aber als Lehrende würden sie Tanztechnik inzwischen so unterrichten, dass sie für jede Körperlichkeit anzuwenden sei, ohne dass sie vom einzelnen Tänzer auf seine Bedingungen angepasst werden müsse. Während sie damit im Unterricht das Wechselspiel von Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit berücksichtigte, zielte Corinna Mindt darauf ab, dass die bewusst eingesetzte körperliche Verschiedenheit das Repertoire von allen Tänzern erweitern könne; in der Bremer Kompagnie tanzbar, bei der oft Tänzer mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichteten, würden dafür beispielsweise Worte aus der Gebärdensprache in Tanzbewegungen überführt. In der folgenden Diskussion wurde deutlich, dass es für einen Unterricht in Differenz nicht genügt, behinderte Tänzer gutwillig an einer üblichen Tanzklasse teilnehmen zu lassen; denn damit blieben aufkommende Schwierigkeiten ebenso unberücksichtigt wie die sich daraus ergebenden besonderen Möglichkeiten ungenutzt. Weiter wurde von den Teilnehmern darauf hingewiesen, dass im Unterrichten von Tänzern mit Behinderungen der Zeit Bedeutung zukomme: Behinderte Tänzer hätten bei der Übernahme von Bewegungsabläufen und allgemein im Training eine andere Zeitspanne, was dann nicht-behinderte Tänzer befürchten lasse, sie würden in ihrem Lernen eingeschränkt, weil alles länger dauere. Um zu vermeiden, dass neben den üblichen Tanzklassen mit der gewohnten Ausrichtung auf körperliche Leistung ein inklusiver Unterricht als Sonderausbildung entstehe, bedürfe es eines Blickes auf Behinderung, der sie als etwas Eigenartiges ansehe, das sich im Tanz ausdrücke. Dafür, dass eine Ausbildung im Tanz nicht Konformismus und Stereotypien folgt, sind nach Auffassung von Teilnehmern der Arbeitsgruppe Lehrer und Schüler gleichermaßen verantwortlich; es brauche eine offene Kommunikation, in der sich alle Beteiligten über Machbares und Nicht-Machbares, Sinnvolles und Unsinniges austauschten. Dennoch komme es auf die Haltung der Lehrenden an, weil sie die Bedingungen des gemeinsamen Unterrichts vorgebe; das setze sich bis in die Sprache fort, denn selbst die Begriffe, die sie verwendeten, könnten einbeziehen oder ausschließen. Damit der Tanz im Vordergrund stehe und nicht die Unterschiedlichkeit, kann es nach Ansicht der Teilnehmer wichtig werden, auch das Scheitern anzusprechen, das jeder Tänzer erlebe, wenn er seinen Erwartungen nicht genüge oder er eine Technik nicht beherrsche. Auch beim Unterrichten könne aus dem Scheitern eines Ansatzes gelernt werden, wie es besser zu machen sei. Die Teilnehmer stimmten darin überein, dass es kein fertiges Konzept gebe, wie Differenz zu unterrichten sei. Vielmehr bringe erst das vermehrte und wiederholte Versuchen die Erfahrungen, die es brauche, damit körperliche Vielfalt im Tanz nicht als Verlust, sondern als Bereicherung für den Tanz erlebt werden könne.

 

 

Die Arbeitsgruppe 2

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„What is the Artistic Benefit of Physical Diversity?“ wurde von Karin Kirchhoff moderiert. Sigal Bergman stellte dabei das deutsch-israelische Projekt „Störung / Hafra’ah“ vor, an dem professionelle Tänzer, Wissenschaftler und Parkinson-Patienten gleichermaßen beteiligt waren. In einem von ihr gezeigten Video, in dem eine Tänzerin sich rückwärts durch die Flure eines Krankenhauses bewegte, hatte sie ihrer eigenen Erfahrung mit der Krankheit einen künstlerischen Ausdruck verliehen; unter anderem griff sie darin auf, dass es ihrer Mutter, die an einem Parkinson-Syndrom erkrankt war, wie allen Betroffenen außerordentlich schwer fiel, rückwärts zu gehen. Für sich selbst als Künstlerin sah sie einen vielfachen Gewinn aus ihrer Begegnung mit Parkinson-Tänzern: Ein Personkreis und eine Bewegungsqualität werde in den Tanz einbezogen, die üblicherweise in ihm nicht vorkomme; ebenso finde ein Publikum, nämlich Parkinson-Kranke und deren Angehörige, Zugang zum zeitgenössischen Tanz, das ihn sonst nicht habe; ihr Nachdenken, was einen Tänzer ausmache, sei angeregt und die Klarheit des tänzerischen Ausdrucks gefördert worden; der Bezug des Tanzes zur Welt im allgemeinen werde vergrößert und Themen wie Alter und Tod in ihn einbezogen. Im weiteren setzten sich die Teilnehmer mit großer persönlicher Beteiligung mit der Fragestellung der Arbeitsgruppe auseinander. Sie kamen in ihren Bemerkungen zwar immer wieder auf den therapeutischen Wert des Tanzes für Parkinson-Patienten zurück, wie es auch in dem vorgestellten Projekt untersucht worden war, doch im Mittelpunkt stand die künstlerische Dimension eines erweiterten Tanzkörpers. Dabei ging es vor allem darum, wie sich der Blick des Publikums auf den behinderten Körper verändern könne, und es war unter den Teilnehmern strittig, wie wichtig dabei Empathie sei. Wie Sigal Bergman meinte, sei es für Zuschauer oft sehr herausfordernd, unwillkürliche Bewegungen auf der Bühne zu sehen; denn sie seien emotional und irgendwie medizinisch. Doch, wie ein Teilnehmer sagte, gebe es Orte in der Welt, wo genau diese Bewegungen ihren Sinn hätten. Auch könne es für Parkinson-Kranke oder Behinderte bedeutsam sein, zu erleben, dass ihre unkontrollierten Bewegungen für den Tanz ebenso wichtig seien wie die trainierten und kontrolliert ausgeführten der Tänzer. Indem sie ihren Körper selbstbestimmt auf der Bühne zeigten, könne ein „normales“ Publikum wiederum seinem Wunsch folgen, anzuschauen, was seine Neugierde wecke, und dadurch seine Ängste vor dem Fremden oder Unheimlichen überwinden. In einem wechselseitigen Lernen könne eintreten, was ein Teilnehmer so ausdrückte: „Schau nicht auf meine Behinderung, schau auf meinen Körper, auf meine Körperlichkeit!“ In der Diskussion ging es auch um die Rolle des Choreografen. Es wurde festgestellt, dass er genau darauf zu achten habe, wann er die besonderen Bewegungen seiner Tänzer auf die Bühne bringe. Indem er es tue, überschreite er eine Grenze und mache er sich zugleich zum Anwalt seiner Tänzer. Für sie könne der Tanz therapeutisch sein, doch für den Choreographen bleibe das Ziel, künstlerisch zu wirken. Anwaltschaft, Therapie und Kunst waren für die Teilnehmer der Arbeitsgruppe keine Widersprüche, aber sie hielten es für wichtig, gerade angesichts einer möglichen Überschneidung von Kunst und Therapie genau hinzuschauen, die damit verbundenen Fragen nicht zu übergehen und darin klar zu bleiben, dass sich der künstlerische Wert aus dem ergebe, was vor dem Publikum geschehe. Damit verbunden war für sie die Frage, was einen Künstler bzw. einen Tänzer ausmache; die Bewegung allein könne es nicht sein, denn für einen behinderten Menschen bedeuteten seine typischen Bewegungen den Ausschluss von der Bühne, während ein professioneller Tänzer, wenn er sie treffend nachahme, für seine Kunstfertigkeit anerkannt werde.

 

 

Die Arbeitsgruppe 3

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„Wo bleibt das Virtuose im erweiterten Tanzkörper?“ wurde von Astrid Kaminski moderiert. Sie forderte die Teilnehmer als erstes auf, für sich zu bestimmen, was sie mit Virtuosität verbänden. Die Einfälle reichten weit und beinhalteten die besondere Könnerschaft ebenso wie Einzigartigkeit, Bewunderung, hochqualifizierte Ausbildung, Wagnis oder mögliche Verletzung und verlorene Definition einer bestimmten Ästhetik. Als Lisette Reuter dann das interdisziplinäre, interkulturelle und inklusive Projekt „Un-Label“ vorstellte, hob sie hervor, welch große Herausforderung es für sie bedeutet habe, unter den Bedingungen einer künstlerischen, menschlichen und körperlichen Vielfalt eine alle einbeziehende Kommunikation sicherzustellen. Mit ihrer zweiten Frage, ob eine stumme Sängerin etwas mit einem warmen Kühlschrank gemeinsam habe, regte die Moderatorin die Teilnehmer dazu an, darüber nachzudenken, welche körperliche Funktionen es für den Tanz brauche. Ihre dritte Frage, was heute unter Tanz zu verstehen sei, rundete die Klärung der in der Fragestellung genannten Begriffe ab. Wiederum deckten die Antworten eine große Breite ab; so wurde das Wesen des Tanzes in der körperlichen Präsenz und der Bewegung gesehen, in der Gestaltungsabsicht und der Offenlegung des geistigen Engagements, im Vorspielen von Leichtigkeit oder in der Subjektivität und individuellen Verletzbarkeit. Unter den Teilnehmern entspann sich eine überaus lebhafte Diskussion, die sich in der gesetzten Zeit nicht abschließen ließ. In ihrem Verlauf zeichneten sich in Hinblick auf die Ausgangsfrage zwei Standpunkte ab: Die einen waren bemüht, das Virtuose im erweiteren Tanzkörper neu zu definieren; sie hoben hervor, dass Virtuosität nicht mehr, absolut zu bestimmen sei, sondern sich kontextuell ergebe und dann auszumachen sei, wenn Fertigkeiten an einem individuellen Limit genutzt würden. Die anderen hielten dagegen das ganze Konzept für überholt; sie meinten, es sei nicht angebracht, bei einem erweiterten Tanzkörper Virtuosität anzustreben, denn es sei eine Vorstellung, die aus dem Geniekult des 19. Jahrhunderts stamme und mit der Abwertung all derer einhergegangen sei, die heute gerade den herkömmlichen Tanzkörper über das gewohnte hinaus erweitern würden. Damit stand am Ende der Arbeitsgruppe eine neue Fragestellung, nämlich was dann einen erweiterten Tanzkörper ausmachen könne, wenn es in seinem Tanz nicht mehr um Virtuosität gehe.

:: K O N F E R E N Z ::
TANZ KÖRPER ERWEITERUNG
STRETCHING THE PHYSICALITY OF DANCE
Berlin | 23. – 24. August 2017

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