:: INTERVIEW :: November 2016

INTERVIEW VON KATHARINA WINNERSTAM MIT tanzfähig

Hinweis: Antworten von Evelyne Wohlfarter sind mit E gekennzeichnet und die von Bernhard Richarz mit B. Antworten, die für beide bzw. tanzfähig gelten, haben kein Kürzel und sind kursiv.

Ein kurzer Blick auf Eure Internetseite zeigt, dass in den letzten drei bis vier Jahren so einiges bei Euch passiert ist – vermutlich noch mehr als dort aufgezählt ist. Welche Ereignisse waren Eurer Einschätzung nach am prägendsten für tanzfähig und Euch als Leiter_innen?

E: Für mich war die Produktion „Als der Flieder blühte,…“ ein sehr wichtiges und starkes Ereignis. Im Sommer 2013 konnte sich tanzfähig damit zum ersten Mal mit einem 26-minütigen Bühnenstück präsentieren, und ich selbst war mit meinem choreographischen Wirken sehr zufrieden. Bisher kam es leider nur zu zwei Aufführungen. Aber wir überlegen, die Produktion nochmals aufzurollen.

Dann ist das EU-Projekt ‚Moving Beyond Inclusion‘ zu nennen, an dem wir als deutscher Partner beteiligt sind. Seitdem wir im Herbst 2014 zum ersten Mal gefragt worden sind, ob wir mit tanzfähig daran teilnehmen wollen, haben wir viel darüber nachgedacht, wo wir stehen und was wir erreichen wollen. Das Projekt mit seiner Vorbereitung ist sicher das prägendste Ereignis der vergangenen drei Jahre. Es ist nun im August 2016 gestartet, und wir werden mit seiner Umsetzung in den nächsten beiden Jahren beschäftigt sein.

B: Ich will noch den einwöchigen Workshop mit matanicola nennen, den tanzfähig im April 2015 durchgeführt hat. Er stellt für mich einen Einschnitt dar, weil mir darüber klar geworden ist, dass Tanz, der künstlerisch ausgerichtet ist, etwas Anderes ist als Tanz, der eine schöne Freizeitbeschäftigung darstellt, und dass die Forderung, die damit verbunden ist, für manche zu viel sein kann.

Eure Workshopreihe „Aufbruch ins Unerwartete“ ist in die 6. Runde gegangen, es gab auch diverse Gastworkshops. Weiterhin gibt es die wöchentlichen Tanzsessions. Inwiefern hat sich Eure Arbeit in den letzten drei Jahren verändert?

B: Die Frage schließt für mich an das an, was wir eben gesagt haben. Meines Erachtens hat eindeutig die künstlerische Ausrichtung unserer Arbeit zugenommen. Ich glaube, ich selbst bin auch sicherer geworden, in dem, was ich tue, und weiß klarer, wofür tanzfähig steht. Dadurch bin ich in meiner Arbeit bestimmter geworden, was ich erreichen will.

Tanzen immer noch die gleichen Tänzer_innen mit, oder gab es hier eine   Veränderung?

E: Menschen kommen. Menschen gehen. Manche kommen wieder. Manche bleiben.

Ihr habt Euch auf einem „Danceability“-Workshop kennengelernt, auch der Name „ tanzfähig “ habt Ihr damals von „Danceability“ abgeleitet. Wie steht Ihr heute zu der Bewegung – und wo seht Ihr Unterschiede zu „ tanzfähig “?

E: Unter dem Namen tanzfähig veranstaltete Bernhard die ersten Trainings in Berlin. Als wir uns zusammenschlossen, übernahmen wir einfachheitshalber diesen in Berlin schon bekannten Namen. Immer wieder mal hatte ich allerdings damit gehadert, da ich meine Arbeit nicht unter den Schirm von DanceAbility stellen möchte, und man es schon als die deutsche Übersetzung ansehen kann. In den letzten Jahren hat sich für mich tanzfähig zu einem ganz neuen Label entwickelt.

B: Also noch mal zur Klarstellung: Den Namen haben nicht wir, sondern ich von „Danceability“ abgeleitet, und Evelyne war bereit, ihn für die gemeinsame Arbeit zu übernehmen. Der Zusatz zu unserem Namen, also „Initiative für mehr körperliche Vielfalt im zeitgenössischen Tanz“, macht deutlich, worum es uns geht. Ganz klar verorten wir tanzfähig im zeitgenössischen Tanz. Wir haben eine Vorstellung, welche Ästhetik, welche Bewegungssprache wir anstreben, und das künstlerische steht vor dem sozialen Anliegen.

Ihr habt auch an Konferenzen und Fachtagungen im In- und Ausland teilgenommen, wo Ihr Euer Projekt vorstellen konntet. Was gab es für Reaktionen auf Euch und die Idee von tanzfähig?

E: Das Feedback war immer sehr positiv. Oft sehr emotional – was meiner Ansicht nach gerne passiert, sobald Menschen, die wenig mit diesem Thema zu tun haben, damit konfrontiert werden. Mein Ziel war es stets, über diese Emotionen hinaus zu kommen, weil sie eine Art Eingangstüre sind. Eine Türe um an das Wesentliche zu kommen.

B: Was hast Du da erlebt? An was für Emotionen denkst Du da?

E: Ich habe oft erlebt, dass Menschen sehr berührt und bewegt waren. Nachdem ich Filme unserer Arbeit gezeigt hatte – das Publikum also die rollstuhlfahrenden Tänzer_innen in Aktion gesehen hatte, sah ich im Publikum oft viele Gesichter mit Tränen in den Augen. Im ersten Moment war das sehr schön, denn ich hatte diese Menschen erreichen können. Im zweiten Moment allerdings war es bitter, denn es zeigt, wie weit wir davon entfernt sind, dass es einfach normal ist, dass auch Menschen mit Behinderung am Leben teilhaben und sogar Freude daran haben können. Hier verstehe ich mich dann gern als Brückenbauerin auf die andere Seite. Diese Emotionen helfen mehr Menschen von unserer Idee zu begeistern. Das Wesentliche allerdings ist, dass wir in dem Auf-diese-Weise-berührt-sein nicht stecken bleiben und darüber hinaus gehen können.

Was hat das Eure jetzige Arbeit beeinflusst (Z.B. Netzwerke? Neue Ziele?)

E: Mit Sicherheit hat sich unser Netzwerk vergrößert und vor allem verdichtet. Das positive Feedback unterstützte mich, weiter zu machen und mich an bis dahin noch nicht angedachte Sachen zu wagen.

In unserem gemeinsamen Interview von 2013 habt Ihr Euch klar dagegen  ausgesprochen, die eigene Arbeit als „inklusiv“ zu bezeichnen, da Projekte, die sich „inklusiv“ nennen, in der Regel nicht inklusiv seien. Diese Aussage hat mich damals sehr beeindruckt und mich letztlich auch zu diesem Thema inspiriert. Wie seht Ihr die Selbstbenennung als Inklusiv heute?

B: Je länger ich mich damit befasse, desto weniger befriedigt mich das Konzept von Inklusion. Es bietet eine wohlmeinende und gut klingende Lösung für eine gesellschaftliche Problematik an, aber ohne m.E. deren Komplexität gerecht zu werden. Es geht von der Gleichheit der Menschen aus. Das ist natürlich richtig: bei aller Verschiedenheit in Geschlecht. Sexualität, Alter, Herkunft, Rasse, Kultur, Religion oder körperlicher Funktion sind die Menschen gleich. Sie haben denselben Wert, und es stehen ihnen dieselben Rechte zu. Aber sie sind eben auch verschieden und unterscheiden sich voneinander. Diskriminierung hört m.E.nicht auf, weil man sie verbietet oder weil man Inklusion verordnet. Das Konzept der Inklusion übersieht, dass ein soziales System seine Mitglieder danach bewertet, wie sie seinen Zielen dienen: Die sie gut umsetzen, sind anerkannt; diejenigen, die es nicht können oder wollen, stehen am Rande; wer sie hintertreibt, wird ausgeschlossen, und wer sie gefährdet, wird bekämpft und im äußersten Fall umgebracht. Das Konzept der Inklusion hat keine Antwort darauf, wie mit der Verschiedenheit und Vielfalt der Menschen umgegangen werden kann, außer sie zu verleugnen. Es behindert letztlich damit die Bildung von subjektiver Identität, die auf den Eigenheiten und Besonderheiten eines Menschen beruht.

E: Unsere damalige Aussage zu unserer Selbstbenennung gilt auch heute noch. Im Vordergrund unserer Arbeit steht die körperliche Vielfalt im Tanz als Kunstform. Inklusion ist ein Begriff der Gesellschaftspolitik und hat unseres Erachtens für Kunst keinerlei Aussagekraft. Nichtsdestotrotz müssen wir ihn gebrauchen, nämlich immer dort, wo jemand gar keine Ahnung hat.

Glaubt Ihr, dass die Gesellschaft weiterhin auf Kategorien wie Behindert/Nichtbehindert oder ähnliches angewiesen ist? Gibt es Eurer Wahrnehmung nach positive Veränderungen?

B: Als ich vor etwa 50 Jahren mit meiner Behinderung groß geworden bin, war es selbstverständlich, dass der Architekt, der für meine Eltern den Umbau des Hauses vornahm, einarmig war und dass die Gemüsefrau von ihrer taubstummen Schwester begleitet wurde, und sie galten nicht als Behinderte. Auch besuchte ich und zwei, drei andere mit körperlichen und geistigen Behinderungen selbstverständlich die Regelschule, ohne dass das als Inklusion bezeichnet worden wäre. Deshalb ist für mich zuerst einmal die Frage, warum die Kategorien wie Behindert / Nichtbehindert überhaupt so stark aufgekommen sind.

E: Ich glaube, dass der Mensch immer nach Unterschieden sucht, um sich und andere einzuordnen. Es gibt auch eine Art Sicherheit, wenn man weiß, wo man selbst zugeordnet wird. Wir haben gelernt, uns so in der Welt zu orientieren – manche natürlich mehr und manche weniger. Das In-Kategorien-einteilende-Denken generell abzuschaffen wäre eine Revolution! Herrlich wenn wir ein Stück dazu dabei tragen könnten!

B: Die Kategorie Behindert / Nichtbehindert ist halt eine soziale Konstruktion. Solange unsere Gesellschaft so sehr darauf ausgerichtet ist, menschliche Arbeitskraft zu verwerten, wird sie diejenigen, die sich da nicht so gut verwerten lassen, auch weiterhin als behindert einstufen. Wie jede Kategorisierung kann allerdings auch diese lebensgefährlich werden. Heute ist es selbstverständlich, dass schwangere Eltern ihr Kind abtreiben lassen dürfen, wenn es behindert ist. Aus dem Wunsch nach einem gesunden Kind ist schon beinahe die Pflicht oder auch das Recht geworden, nur ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Eine australische Gruppe, die mit jungen Geistigbehinderten arbeitete, machte mit ihnen ein Stück, in dem es darum ging, was es bedeutet, am Leben zu sein, wenn man eigentlich tot sein sollte. Dass das dargestellt werden kann, ist sicher eine positive Veränderung. Aber wird es auch gehört? Anders herum wird festgestellt, dass auch Menschen mit Behinderungen gut arbeiten können. Oder sportliche Höchstleistungen vollbringen oder Beziehungen haben und Kinder kriegen können. Dieselben Geschichten vom erfolgreichen Überwinden des eigenen Schicksals werden auch gerne von Syrern oder Afrikanern erzählt; je exotischer der Protagonist, um so lieber. Was muss da für eine Angst vor dem Anders-Sein dahinter stecken, wenn solche Lebenswege so bewundert werden!

Wie habt Ihr die Verwendung des Begriffs „Inklusion“ bei den Tagungen und Konferenzen erlebt – war es ein Begriff, anhand dessen man sich verständigen konnte? Konntet Ihr hier Unterschiede im internationalen Raum erleben?

B: Das muss Evelyne wieder darauf antworten. Sie war auf mehr Tagungen.

E: An der Universität Mozarteum Salzburg gibt es im Rahmen des Studiums Elementare Musik- und Tanzpädagogik einen eigenen Zweig, welcher den Begriff Inklusion sogar im Titel trägt, was übrigens, soviel ich weiß, im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. Die Menschen dort setzten sich intensiv mit Begrifflichkeiten und deren Zusammenhänge auseinander. Während bei Veranstaltungen dort die Zuhörer_innen wussten, wovon ich sprach, sah ich in Brasilien viele Fragezeichen in den Gesichtern des Publikums. Dort musste ich von ganz vorne anfangen, um meine Sicht klar darstellen zu können. Das war sehr spannend für mich.

In den letzten Jahren hattet Ihr viel Kontakt zu anderen Tanzgruppen – wo seht Ihr Unterschiede zwischen Euch und anderen?

Unterschiede gibt es immer. Die Frage ist nur, ob und wie man diese wertet. Es gibt Gruppen, die sehr kämpferisch arbeiten, die aufrütteln wollen und mit dem Zeigefinger ständig auf die nicht stattfindende Gleichberechtigung zeigen. Es gibt Gruppen, die sich darauf besinnen, einfach Kunst zu machen und viele Produktionen machen, manche professioneller, manche weniger. Es gibt Gruppen, die sich dafür einsetzen, dass richtige Arbeitsfelder für Menschen mit Behinderung geschaffen werden. Es gibt Gruppen, die sehr im eigenen Saft köcheln und wenig Neues zulassen. Es gibt Gruppen, die vor allem gesellschaftspolitisch ausgerichtet sind usw. – so wie es Menschen gibt, so viele unterschiedliche Gruppen gibt es. Von allen können wir viel lernen.

Nun nehmt Ihr an dem EU-Projekt „Moving Beyond Inclusion“ teil. Was ist unter dem Projekt zu verstehen?

Sechs Kompanien aus Europa, die in unterschiedlicher Weise sich mit inklusiven Tanz befassen, haben sich zusammengetan, um im Austausch miteinander ihre Strukturen nachhaltig zu professionalisieren. Das ist als Koordinator Candoco aus London, dann neben tanzfähig Gruppen aus Schweden, Italien, Kroatien und der Schweiz. Im Projekt gibt es zum einen den künstlerischen Bereich: Tänzer_innen entweder mit Behinderungen oder ohne, die aber an einer Arbeit mit unterschiedlicher Körperlichkeit interessiert sind, erhalten in zwei einwöchigen Workshops eine hochwertige Gelegenheit zu ihrer Qualifizierung, und von den Compagnien ausgesuchte Choreographen erhalten die Gelegenheit, unter den Bedingungen körperlicher Vielfalt ihre Konzepte zu erproben und umzusetzen. Zum anderen gibt es den organisatorischen Bereich: Da sollen die Partner mit ihren jeweiligen Erfahrungen voneinander lernen. Das geht gut, weil alle verschiedene Ausrichtungen haben, manche mehr in der Produktion sind, andere mehr in der Präsentation, und daher über sehr unterschiedliche Stärken verfügen. Zum dritten gibt es den Bereich, der die Beteiligung des Publikums betrifft. Das beinhaltet die Frage, wie der Idee des inklusiven Tanzes mehr Verbreitung und Anerkennung gegeben werden kann.

B: Jetzt reden wir die ganze Zeit von inklusiven Tanz, obwohl wir uns selbst gar nicht so bezeichnen würden.

Was ist gemeint mit „Moving Beyond Inclusion“?

Es ist wahrscheinlich einfacher zu sagen, was wir darunter verstehen, als was im Projekt damit gemeint ist. Uns hat der Titel angesprochen, weil wir mit tanzfähig eh schon versuchen, etwas zu schaffen, was sich nicht mit Inklusion fassen lässt. Worum es uns geht, dafür verwenden wir gerne den Begriff einer Ästhetik der Differenz. Das heißt für uns als erstes, dass wir uns von den Körperlichkeiten unserer Tänzer_innen, aber auch von ihrer jeweiligen Subjektivität leiten lassen, und wir schauen, wohin sie uns führen. Das heißt als zweites, dass wir bestrebt sind, im Tanz die jeweilige Schönheit wahrnehmbar zu machen, und als drittes, dass wir versuchen, die Verschiedenheit der Körper und der Subjekte in eine stimmige Form zu bringen, die sich dann nach außen einem Publikum mitteilen lässt. Insofern ist das, was tanzfähig tut, auch politisch: Es geht um den Mut zum Anders-Sein.

B: Wenn ich genau überlege, dann ist mir wirklich nicht klar, was die Projektpartner sich unter dem Titel vorstellen. Das müssten wir bei einem der kommenden Treffen einmal aufgreifen.

E: Ich glaube, theoretisch sind wir da den anderen vielleicht voraus. Uns fehlt die Praxis.

Mich interessieren hier noch die organisatorischen Details: Wie ist das Projekt entstanden, wer waren die Initiatoren? Wie kam es zu der Förderung durch den Senat, wie kam es zu der Teilnahme an dem Programm „Creative Europe“?

Das Projekt ist vor etwa drei bis vier Jahren von der Londoner Compagnie Candoco angeregt worden, die durch ihre langjährige Tätigkeit verschiedene andere Gruppen in Europa kennen. Ursprünglich war es die Idee, dass diejenigen, die in Europa inklusiven oder integrierten Tanz machen, sich mehr vernetzen sollen, um qualitativ hochwertige Produktionen zu schaffen. Dann haben sie aber gemerkt, dass es nicht geht, weil vielfach noch gar nicht die Voraussetzungen für Produktionen bestehen. Das gemeinsame Projekt wurde daher darauf ausgerichtet, Strukturen für einen professionellen inklusiven Tanz aufzubauen. Candoco und die anderen, die das Projekt entwickelt hatten, wollten auch einen Partner aus Deutschland dabei haben und dachten zuerst an eine andere Gruppe, die aber sehr zögerte mitzumachen. Da kamen wir ins Gespräch, gewissermaßen als zweite Wahl. Aber für uns war das Projekt in seiner veränderten Ausrichtung genau das, was wir für tanzfähig Stand Herbst 2014 brauchten, um weiter kommen zu können. Projekte wie dieses, die bei „Creative Europe“ gefördert werden, müssen sich immer noch eine nationale Förderung suchen, die in Ergänzung der EU-Förderung die andere Hälfte übernimmt. Entsprechend unserem Selbstverständnis, dass es bei tanzfähig um Kunst geht, haben wir den Antrag beim Senat für kulturelle Angelegenheiten gestellt und ihn dann im zweiten Anlauf, nachdem er zuerst abgelehnt worden war, auch bewilligt bekommen.

Wie hat die Teilnahme an dem Projekt Eure Arbeit beeinflusst?

B: Mit der Teilnahme stehen wir ja erst am Anfang. Da lässt sich noch nicht so viel sagen. Aber wie bei allen Projekten ist auch hier schon viel Wichtiges in der Vorbereitung passiert. Um überhaupt teilnehmen zu können, mussten wir uns auf die Suche nach Partnern machen, die bereit waren, das Projekt mitzutragen und umzusetzen. Insofern hat die Vorbereitung von uns verlangt, uns auf unser Netzwerk zu besinnen und die Verbindungen, die wir hatten, mit noch mehr Leben zu füllen. Dann, was wir am Anfang schon sagten, sind wir durch die Vorbereitung dazu gekommen, unser Anliegen noch klarer zu fassen, und wir mussten uns überlegen, wie wir uns entwickeln wollen.

E: Wie wir uns entwickeln wollten, war schon klar. Aber wir mussten uns dafür entscheiden, es wirklich anzugehen.

B: Ja, ich hatte da anfangs viele Bedenken. Eine weitere Folge der Vorbereitung ist auch, dass wir jetzt mehr wissen, dass viele, die im künstlerischen Bereich tätig sind, die Arbeit von tanzfähig schätzen.

E: Wir mussten und müssen in unseren Strukturen professioneller werden. Wir sind nicht besonders erfahren darin, die finanziellen Mittel für eine gute Produktion aufzubringen; auch für den Vertrieb haben wir nicht wirklich eine Strategie. Insofern hat die Teilnahme an dem Projekt noch mal deutlich gemacht, was uns fehlt.

B: So haben wir auch gemerkt, dass wir für die Umsetzung des Projekts ein Produktionsbüro brauchen, das uns bestimmte organisatorische Aufgaben abnimmt, und das inzwischen auch gefunden.

Was ist im Rahmen des Projekts noch geplant?

Zuerst einmal zu dem, was schon stattgefunden hat. Im August gab es in Schweden die ersten Treffen der künstlerischen Leitungen und des Managements der Partner, und die Tänzer_innen hatten ihren ersten gemeinsamen Workshop. Im September hatten wir in Berlin dann die choreografischen Forschungstage mit matanicola. Das Berliner Choreographen-Duo arbeitete dabei mit Tänzer_innen, die tanzfähig ausgesucht hatte und mit denen wir uns eine weitere Zusammenarbeit vorstellen können.
Bei dem, was noch kommen soll, ist zwischen dem zu unterscheiden, was im Rahmen des Projekts geplant ist und was durch das Projekt angeregt wird.
Im weiteren Verlauf des Projekts wird es noch insgesamt fünf Treffen geben, wo Vertreter des organisatorischen Bereichs zusammen kommen werden. Die künstlerischen Leitungen werden zwei weitere Treffen für ihren Austausch haben und außerdem zwei der choreographischen Forschungstage der Partner besuchen. Die Tänzer_innen werden nächsten Sommer ihren zweiten gemeinsamen Workshop haben. Im August 2017 wird tanzfähig zusammen mit dem Dachverband Tanz Deutschland und unterstützt vom HZT Berlin eine zweitägige Konferenz organisieren, in der die Projektidee einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. Das Thema ist „Vielfalt in den Tanz / Stretching the Physicality of Dance“. Wir grenzen uns dabei nicht auf Tanz und Behinderung ein, sondern wollen umfassender herausarbeiten, was es für den Tanz bedeuten kann, wenn Menschen mit verschiedener Körperlichkeit beteiligt sind.

Da das EU-Projekt nachhaltig sein soll, gibt es noch Anderes, was wir in Verbindung mit ihm umsetzen wollen. Dazu gehört u.a.: Zusammen mit der Tanzfabrik Berlin wollen wir versuchen, mehr Menschen mit Behinderungen für zeitgenössischen Tanz zu gewinnen. Das HZT will mit tanzfähig zusammen seinen Studierenden einen theoretischen und praktischen Zugang zu Fragen der körperlichen Verschiedenheit im Tanz verschaffen. Mit matanicola wollen wir überprüfen, ob wir gemeinsam ein Stück produzieren können, an dem Tänzer_innen mit verschiedenen Körperlichkeiten beteiligt sind. In Verbindung mit der Konferenz hat tanzfähig im August 2017 MeetShareDance zu Gast, ein internationales Workshop Festival zu integriertem Tanz, das dann in seiner sechsten Auflage in Berlin stattfinden wird. Schleißlich arbeiten wir auch darauf hin, eine eigene tanzfähig Kompagnie aufzubauen.

Obwohl das Künstlerische bei Euch einen sehr großen Stellenwert einnimmt – werdet Ihr dennoch gelegentlich darauf reduziert, dass Menschen mit sog. „Körperbehinderungen“ mittanzen? Wenn dem so ist – stört Euch das, ärgert das Euch oder seht Ihr das als ganz normale Begleiterscheinung? ·  Wie reagiert Ihr dann?

B: Ja, das ist schon eine Reduzierung, dass bei tanzfähig nur Menschen mit Körperbehinderungen mittanzen. Denn es gibt auch Österreicher und Italiener, Polen und Amerikaner. Auch die Altersspanne der Teilnehmenden ist weit und reicht von 14 bis Mitte 60. Neben Menschen mit körperlichen Behinderungen gibt es welche mit Sinnesbehinderungen, Schwerhörige, Blinde oder Sehbehinderte, oder Menschen mit Behinderungen nach körperlichen Erkrankungen. Auch mit geistigen oder seelischen Behinderungen. Schließlich nehmen auch professionelle Tänzer_innen unsere Angebote wahr.

E: Die Reduktion gehört dazu, und doch bin ich manchmal sehr davon überrascht, weil ich selbst den Menschen sehe und nicht seine Behinderung. Die habe ich nur im Blick, wenn ich Bodywork mache, aber auch da ist vorrangig immer der Mensch. Besonders weil ich als sogenannte Nicht-Behinderte mit Menschen mit Behinderung arbeite, muss ich mich oft erklären. Dabei spüre ich schnell, ob meine Worte wirklich angekommen sind.

Gibt es etwas, was ich Eurer Meinung nach versäumt habe zu fragen?

E: Während all der spannenden Aktionen im und um das ‚Beyond Inclusion Projekts‘ ist noch eine andere Sache für mich in den Vordergrund gerückt. Mein Umzug nach Österreich bringt es mit sich, dass ich nicht immer in Berlin vor Ort sein kann. Bernhard und ich leben nun in einer tanzfähig Fernbeziehung, und wir sind die letzten beiden Jahre auf die Probe gestellt worden. Ich bin der Meinung, dass wir das wunderbar hinkriegen.
Nun steht es an, dass ich hier in Österreich einen tanzfähig Ableger aufbaue. D.h. wir werden jetzt expandieren und somit binational werden. Es bleibt aufregend, was sich alles noch entwickeln wird. Wir sind im Fluss.

B: Als am Tag Deines Umzugs auf einmal meine Internet-Verbindung nicht mehr ging, wurde mir schon etwas bang, ob wir das wirklich hinkriegen würden, unsere Zusammenarbeit über die Entfernung fortzuführen. Aber das hat sich jetzt gegeben. Ich bin sehr froh, wie wir es schaffen, uns weiter auszutauschen und zu besprechen, und ich freue mich schon, zu einem Workshop nach Dornbirn zu kommen. Gerade weil ich mich schon hin und wieder frage, welchen Wert es hat, was wir mit tanzfähig tun, ist es gut, zu wissen und erleben zu können, dass wir dabei sind, ein gemeinsames Anliegen umzusetzen, auch wenn es für jeden von uns dann sicher auch wieder aus anderen Gründen wichtig ist.
Ich möchte nicht schließen, ohne erneut darauf hinzuweisen, das wir, sei es in Berlin, sei es in Vorarlberg, offen sind für Interessenten, die sich unter den Bedingungen körperlicher Vielfalt im Tanz ausdrücken wollen. Tänzerische Vorerfahrungen, kulturelle Prägungen oder Behinderungen jeglicher Art sind nicht erforderlich, aber durchaus willkommen.

Photo: Benjamin Cocaign

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