:: UDDEVALLA :: 29.8.-3.9.16

:: SCHWEDEN ::

CHOREOGRAPHISCHE FORSCHUNGSTAGE MIT FIN WALKER, CARL OLOF BERG, COLETTE SADLER

Es waren 22 Tänzerinnen und Tänzer, die zum choreographischen Lab gekommen waren: sieben von Candoco, fünf von SPINN, vier von tanzfähig, drei von BewegGrund und zwei von Oriente Occidente; dazu die fünf künstlerischen Leitungen. Vormittags gab es im Regionteater Väst eine gemeinsame Klasse mit wechselnder Anleitung, nachmittags im Bohusläns Museum drei Workshops mit den Choreografen Carl-Olof Berg, Colette Sadler und Fin Walker parallel. Am vierten Tag stellten sich die Projektpartner mit ihren Organisationen der Öffentlichkeit vor, am fünften bekam ein Fachpublikum, aber auch die Mitwirkenden in einem Showing Arbeitsproben der einzelnen Gruppen zu sehen.

Für tanzfähig waren beteiligt: Alessandra Lola Agostini, Bernhard Richarz, Denise Kastler und Silke Schönfleisch-Backofen als Tänzer_innen und Evelyne Wohlfarter als künstlerische Leitung.

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Alessandra Lola Agostini
Es waren für mich Tage von Offenheit, Schönheit und Freiheit, mit Spaß und Ausdruck, Mut und Verrücktheit. Ich habe am Workshop mit Carl-Olof Berg teilgenommen. Mich hat die Forschung mit ihm zu Fragen über das Verhältnis zum Publikum angeregt, die ich in meine künstlerische Arbeit übertragen kann: Was möchte ich dem Publikum liefern? Was soll dabei ankommen, was soll offen bleiben? Wo sind die Grenzen zwischen Performern und Publikum? Gibt es sie überhaupt? Brauchen wir als Publikum und Künstler_innen Sicherheit oder suchen wir lieber die Provokation?

Bernhard Richarz
Ich freute mich, nicht nur die verschiedenen Gruppen, sondern auch ihre Tänzerinnen und Tänzer kennenzulernen. Bei einigen war es auch ein herzliches Wiedersehen nach längerer Zeit. Für mich als Tänzer war der Workshop mit Fin Walker äußerst befriedigend. Die Tänze mit den anderen Teilnehmer*innen gingen tief. Es tat gut, dass Fin mich ermutigte, als ich wieder einmal an mir zweifelte. Ihre Arbeitsweise führte mich zu neuen Bewegungen und vertiefte mein choreographisches Verständnis. Die Tage ließen mich darin klarer werden, was für mich Tanz unter den Bedingungen der körperlichen Vielfalt bedeuten kann. Sie bestärkten mich in meinem Selbstvertrauen als Tänzer und sie gaben mir mehr Gewissheit für mein eigenes künstlerisches Anliegen.

Evelyne Wohlfarter
Nach meiner längeren Pause, war ich sehr aufgeregt und nervös und doch freute ich mich wahnsinnig über alles, was mich erwarten soll. Ich fühlte mit den Menschen wohl. Die Vielfältigkeit der Tänzer*innen machte mir große Lust künstlerisch zu Arbeiten, die Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen an den Tanz lehrte mich Neues, der offene Austausch mit den erfahreneren künstlerischen Leiterinnen wirkt nach und die gute Organisation wurde zu einem wundervollen Vorbild. Ich genoss in den ersten Tage sehr, dass Behinderung kein groß diskutiertes Thema war – in einer Selbstverständlichkeit tanzten alle Beteiligten. In Einzelgesprächen mit Tänzer*innen mit Behinderung gewann ich den Eindruck, dass doch noch etwas genannt werden muss und viele Fragezeichen in der Luft stehen. Ich freue mich, in der zukünftigen Zusammenarbeit Antworten darauf zu finden.

Denise Kastler
Für mich war es interessant, anderen Tänzer_innen zu begegnen und ihnen zuzuschauen. Besonders bei ähnlicher Körperlichkeit war es für mich sehr hilfreich, mich mit ihnen auszutauschen. Ich konnte mit ihnen eigene Fragen klären, zum Beispiel wie sie empfindliche Körperteile beim Tanzen am Boden schützen oder was die Vor- und Nachteile verschiedener Rollstühle für den Tanz sind. Meinen Workshop fand ich zunächst frustrierend. Die ständige Auseinandersetzung mit der Frage, was sein Ziel sei, überforderte mich. Die Gruppe stand im Vordergrund und es fehlte die Zeit, um mehr mit einzelnen zu arbeiten. Für mich war es ein Lernfeld: meine eigene Präsenz, der stetige Wechsel von Zuschauerin- und Tänzerin-Sein, das schnelle Auswendiglernen von Bewegungsfolgen. Darüber hinaus bereicherte es mich, durch die beiden anderen Gruppen die unterschiedlichen Herangehensweisen an „Tanz“ miterleben zu können.

Silke Schönfleisch-Backofen
Noch bevor das erste gemeinsame Aufwärmen begann, wusste ich, dass ich mich wieder einmal getäuscht hatte. Ich hatte gehofft, dass Behinderung insgesamt kein Problem sein, sondern als Chance für mehr Vielfalt im zeitgenössischen Tanz angesehen würde. Doch dann fragte mich die Trainerin – der Name tut hier nichts zur Sache -, ob ich meinte, dass in der ersten Vorstellungsrunde auch die jeweiligen Behinderungen und ihre Auswirkungen auf den Tanz angesprochen werden sollten. Da machte sich Unbehagen in mir breit: Wenn es schon die „Profis im Bereich von Inklusion“ nicht wissen, wie können wir uns dann künstlerisch weiter entwickeln? Die Frage begleitete mich wie ein Alptraum durch die fünf Tage. Besonders schlimm war es, als sich anlässlich der öffentlichen Diskussionsrunde nicht-behinderte Expertinnen und Experten über Tanz und Behinderung austauschten. Sie warfen Fragen auf, die ich als veraltet und diskriminierend empfand; aus meiner Sicht wäre so nie über Tanz als Kunstform geredet worden, wenn es nicht den vermeintlichen Zusatzpunkt der Behinderung gegeben hätte. – Erfrischend anders war der von mir ausgesuchte Workshop von Colette Sadler. Ich fühlte mich in tänzerischer und auch menschlicher Hinsicht sofort wohl. Mit Vergnügen ließ ich mich auf ihr choreografisches Können ein und entdeckte neue Seiten an mir. Der große Applaus nach unserem Showing und die Rückmeldungen danach zeigten mir, dass sie in mir das angesprochen hatte, was mir als Tänzerin wichtig war: Nicht meine Behinderung stand im Vordergrund, sondern ihre choreografischen Anforderungen, die ich genau so wie ich bin, also mit meiner Behinderung, mit meinen Lebenserfahrungen, mit meiner Lebenseinstellung, mit meiner Neugierde, ertanzte!

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Die fünf Tage, die mit einer gemeinsamen Schifffahrt auf dem Fjord. Endeten, brachten eine große Verschiedenheit zusammen: Im Tanz. In der Choreographie. Im Erleben. In der Erfahrung. In der Organisation. In der Idee. Folgerichtig enstand die Frage: Was ist unsere gemeinsame Sprache? Brauchen wir überhaupt eine gemeinsame Sprache?

Photo: Evelyne Wohlfarter

 

 

 

 

 

 

 

 

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