:: BERLIN :: 15.-18.9.16

:: DEUTSCHLAND ::

CHOREOGRAPHISCHE FORSCHUNGSTAGE
MIT MATANICOLA

Für die choreographischen Forschungstage mit dem Berliner Choreographen-Duo matanicola war tanzfähig zu Gast im Hochschulübergreifenden Zentrum (HZT) Berlin. Die Filmemacherin Sushma U. Gütter dokumentierte das intensive Geschehen in einem 15 minütigen Film.

Nach den Forschungstagen waren alle Beteiligten aufgefordert, ihr Erleben schriftlich festzuhalten – entweder in freier Form oder als Antworten auf vier Fragen, die ihnen am letzten Tage ausgehändigt worden waren.

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Als Organisatoren wurden Evelyne Wohlfarter (E) und Bernhard Richarz (B) eigens befragt:

Ihr habt die choreographischen Forschungstage mit dem Berliner Choreographen-Duo matanicola durchgeführt. Wie seid Ihr dazu gekommen, sie einzuladen?

E: In der Vergangenheit hatten wir schon in unterschiedlicher Form mit den beiden zusammengearbeitet. Begonnen hatte es mit einem Kennenlernnachmittag, bei welchem Matan und Nicola zum ersten Mal auf unsere Tänzer_innen stießen. Bernhard und ich waren begeistert, wie sie die Gruppe leiteten und trotz all den Unterschiedlichkeiten in der Körperlichkeit, aber vor allem auch in der tänzerischen Erfahrung nicht von ihrem professionellen Niveau los ließen. Uns gefiel, wie unsere Tänzer_innen gefordert waren, noch tiefer in den Tanz einzutauchen und an ihre Grenzen zu gehen. Darum folgten ein Wochenendworkshop und eine Intensivwoche. Eine große Qualität der beiden Choreographen ist es, den Menschen Wege anzubieten, dass der Tanz wie von selbst aus ihnen heraus kommt – vorausgesetzt die Tanzenden lassen sich auf den Prozess ein. Die Vorstellung, Matan und Nicola im Kontext einer choreographischen Forschung zu erleben, machte uns sehr neugierig: Was bewegt matanicola? Wie setzten sie ihre Schritte in den Forschungstagen? Arbeiten sie anders als in einem Workshop?

Insgesamt haben an den vier Tagen 14 Performer_innen teilgenommen, die meisten durchgehend, einige nur tageweise. Dazu kamen noch zwei Musiker. Wie habt Ihr die Teilnehmer_innen ausgewählt?

B: Zum einen sind es Tänzer_innen gewesen, mit denen wir schon länger zusammenarbeiteten und bei denen es ganz klar war, dass wir sie dabei haben wollten. Zum anderen haben wir einige aus unseren Workshops oder von anderen Anlässen her gekannt, wo wir dachten, dass könnte gut werden, wenn die dabei sind. Zum dritten haben matanicola einige eingeladen, die sie kannten. Auch die beiden Musiker sind von ihnen eingeladen worden, weil sie bei den Forschungstagen gerne mit Live-Musik arbeiten wollten.

Haben matanicola von Euch einen bestimmten Auftrag gehabt, was sie bei ihrer Forschung herausfinden sollen?

E: Von unserer Seite sind matanicola völlig frei gewesen. Es gab keinerlei Absprachen zwischen uns, und wir wussten überhaupt nicht, was sie machen werden.

B: Bei einem vorbereitenden Treffen war nur deutlich zu merken, dass es in ihnen arbeitet und sie wirklich überlegen, was sie ausprobieren können.

Die Forschungstage haben als Teil des EU-Projekts „Moving Beyond Inclusion“ stattgefunden. Was ist nun dabei herausgefunden worden? Gab es einen Bezug zum EU-Projekt?

B: Das Thema des EU-Projekts stand nicht im Vordergrund. Doch hintergründig ging es schon um die Frage, was das sein könnte, ein Bewegen jenseits der Inklusion. matanicola haben darauf eine Antwort gefunden, die ich sehr anregend finde: Sie haben sich nicht mit der Form des Tanzes und des Körpers befasst, sondern mit seiner Energie.

E: Es waren ihnen wichtig, auf eine Ebene zu kommen, wo alle Menschen bei aller Verschiedenheit wieder gleich sind, und von dort aus haben sie den Tanz entwickelt.

Wie habt Ihr selbst die Forschungstage erlebt?

E: Ich habe am ersten Tag mitgetanzt, den zweiten Tag von aussen beobachtet, und die beiden anderen Tage konnte ich über den Dokumentarfilm miterleben. Die Gruppe hat sehr intensiv gearbeitet und ist mit den Fragestellungen des Künsterduos sehr mitgegangen. Es war ein wirkliches Forschen und Suchen. Die Arbeit kann eine gute Basis für eine mögliche Produktion sein. Es liegt sehr nahe, daran anzuknüpfen und weiter dran zu bleiben.

B: Da ich die Forschungstage nicht nur organisatorisch betreut habe, sondern auch als Tänzer dabei gewesen bin, habe ich sie in einer Doppelrolle erlebt. In beiden Rollen kam ich am Abend des dritten Tages an meine Grenzen: Als Tänzer wusste ich nicht mehr, was matanicola eigentlich von mir wollen, und als Organisator hatte ich Angst, dass alles auseinanderfliegt, weil die Spannung in der Gruppe zu dem Zeitpunkt ziemlich groß war. Um so überwältigender dann der vierte Tag, wo sich dann alles gut fügte. Als ich merkte, dass die Idee der Choreographen wirklich in den Körpern der Tänzer und Tänzerinnen und auch in meinem Körper ankam, war ich erleichtert und froh. Da ist dann eine große Spannung von mir abgefallen.

Was habt Ihr für Rückmeldungen bekommen?

B: Die Rückmeldungen waren durchweg gut, natürlich gab es auch vereinzelt Kritik. Matan und Nicola waren mit der Gruppe und deren Arbeit sehr zufrieden, die Tänzer_innen hatten viel erlebt, was sie als Bereicherung für sich mitnehmen konnten, und auch die Gäste äußerten sich sehr bewegt.

Eine Vorgabe des Projekts ist es, dass durch das Projekt dem dort so genannten inklusiven Tanz eine größere Öffentlichkeit gegeben werden soll. Wie habt Ihr es umgesetzt?

E: Da die Forschungstage als offenes Studio geführt werden sollten, haben wir im Vorfeld viele eingeladen, als Gäste den Prozess von außen zu beobachten: Tänzer, Choreographen, Journalisten oder Produzenten, ebenso die Studenten vom HZT; einige sind auch gekommen, andere haben zurück geschrieben. Auch haben zwei, drei Behinderten-Zeitschriften unseren Pressetext veröffentlicht. Täglich haben wir in Facebook kurz über den Verlauf berichtet und Fotos gepostet; das ist durchaus wahrgenommen worden. Dann haben wir die ganzen Tage auf Video aufnehmen lassen. Aus dem Material sind vier halbstündige Filme entstanden, die wir den Beteiligten des EU-Projekts zugänglich gemacht haben, und ein 15 minütiger Film, den wir online gestellt haben.

B: Die Forschungstage kamen für tanzfähig sehr früh. Sie stehen für uns ganz am Anfang des EU-Projekts, und die Öffentlichkeitsarbeit hat über sie hinaus weiterzugehen. Da spielt die Konferenz eine große Rolle, die wir im August 2017 mit dem Dachverband Tanz Deutschalnd durchführen werden. Ihr Thema ist etwas, was wir jetzt bei den Forschungstagen mit matanicola auch gemacht machen, nämlich „Tanz Körper Erweiterung“.

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Als einer der beiden Choreographen beantwortete Matan Zamir den ausgehändigten Fragebogen:

Was waren Deine Erwartungen vor den choreographischen Forschungstagen und wie wurden sie erfüllt?

Ich bin ohne besonderen Erwartungen in die Forschungstage hinein gegangen. Ich wollte offen bleiben und neugierig auf alles, was im Rahmen dessen geschehen würde, was wir anbieten wollten. Das passte sehr genau zu dem Thema, was ich mir für diese Tage vorgenommen hatte. Ich wollte einen neuen Weg erforschen, wie man zur Bewegung kommen kann, einen Weg, der nicht die Verschiedenheit der Körper (und der Seelen) betont. Ich wollte von der anderen Seite kommen und von dem Ort aus forschen, wo wir alle wirklich gleich sind, ohne den geringsten Unterschied, nämlich in unserem bewussten Gegenwärtig-Sein. Bevor wir irgendetwas über den Körper (oder die Welt) wissen, wissen wir um unsere Bewusstheit. Wenn diese bewusste Offenheit für unser Gegenwärtig-Sein der Ausgangspunkt unserer Forschung ist, dann kann sie nur die Erwartung beobachten, aber sie kann nicht selbst etwas erwarten.

Was sind jetzt nach den Forschungstagen Deine Überlegungen, wovon hättest Du gerne mehr gehabt?

Es wäre wunderschön gewesen, mehr Zeit gehabt zu haben, um noch tiefer in die Suche einzusteigen. In den vier Tagen konnten wir nur ein sehr elementares Verständnis des Ansatzes erreichen, was für die meisten dann zugleich sehr abstrakt und konzeptuell war. Es braucht Zeit, ihn wirklich zu verstehen, ihn dann zu praktizieren und ihn in den (tanzenden) Körper zu übersetzen. Es braucht auch Zeit, alte Gewohnheiten, geistige wie körperliche, loszulassen und sich ganz mit geist-losen Zustand zu verbinden, von dem wir sprechen. Es war wirklich ein Prozess des „Verlernens“.

Was denkst Du, welchen Gewinn wirst Du aus den choreographischen Forschungstagen für Deine Praxis ziehen?

Es war für mich eine großartige Gelegenheit, diesen Ansatz, der mich auch in meinem Privatleben beschäftigt, in eine choreographische Forschung einbringen zu können, bei der nicht der Druck bestand, ein Stück produzieren zu müssen. Es gab mir die Freiheit, tief in die Meditationen einzutauchen und mehr Zeit als sonst aufzubringen, um Auffassungen, Gedanken und Einfälle miteinander austauschen zu können. Für mich war es wichtig, alle zu demselben elementaren Verständnis zu bringen, was Bewusstheit bedeutet und wofür sie steht – und das braucht natürlich Zeit. Wie schon gesagt: wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wäre es großartig gewesen. Aber auch in dem Zeitrahmen, den wir hatten, geschah körperlich so viel, was von Bedeutung war, so viele Zusammenhänge, so viele Einfälle und großartige Überlegungen. Ich bin sehr dankbar, mit dieser großen und verschiedenartigen Künstlergruppe diese Gelegenheit gehabt zu haben. Es öffnete mir mein Herz und meinen Kopf, und es gab mir eine Menge Anregung, wie diese wichtige Forschung fortzusetzen und weiterzuentwickeln ist.

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Als einer der beiden Musiker antwortete Francois Benner:

Aus meiner Sicht als Musiker war das Ganze äußerst interessant. Ich spürte, dass eine starke Verbindung zwischen den Tänzern und meiner Musik bestand. Ich hatte auch den Eindruck, dass ich ihnen helfen konnte, noch tiefer in ihre Forschung einzusteigen.

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Als eine der Tänzer_innen teilte Maria Rutanen ihre Überlegungen in freier Form mit.

Sicher was es für alle eine Herausforderung, den Geist loszulassen und zu schauen, was das bedeutet. Aber für mich war es ein sehr guter Ansatz und zugleich eine anregende Erfahrung. Ich glaube, das vermag unser Bewegungsrepertoire und unser Bewegungsverständnis zu erweitern. Auf jeden Fall wirft es viele Fragen auf und regt zu vielen Gedanken an. Ich glaube, im künstlerischen Bereich mit dem Konzept von Bewusstheit zu arbeiten, kann sehr bedeutungsvoll sein. Das kann wirklich den gesamten Blick auf Arbeit und Dasein verändern.

Ich mochte die langen morgendlichen Bewegungswege. Da es verschiedene Zugänge gab, wie wir mit dem Ansatz arbeiteten, war es mir möglich, unterschiedliche Erfahrungen zu machen, was es bedeutet, den Geist loszulassen, je nach dem, ob wir uns nach der Meditation langsam bewegten, in beschleunigter hoher Geschwindigkeit, in anhaltendem Schütteln oder in empfindsamer Berührung der anderen. Auch war dieses Loslassen des denkenden Geistes ganz anders, ob man sich allein bewegte oder in Beziehung zu anderen stand.

Der Fokus änderte sich die ganze Zeit, der denkende Geist kam und ging. Manchmal dachte der Körper, dann unterbrach der Geist. Nichts blieb immer gleich. Auch der Blick änderte sich. Wenn ich meinen Geist losließ, war es einfacher, mehr nach innen zu schauen oder mehr peripher wahrzunehmen. Wenn ich aber stattdessen auf kleine Details achtete oder einen klaren Blick haben wollte, dann regte das den analytischen Geist an. Der wertende Geist war ebenfalls so stark. Die Vorstellung, nicht zu bewerten, begeistert mich, und zugleich frage ich mich, welche Bedeutung der kritische Geist hat, um sich selbst entwickeln und Kunst schaffen zu können.

Die Aufgabe „Der Körper bewegt sich, der Geist folgt“ war besonders bereichernd. Für die Performance kann das ungeahnte Bewegungsweisen eröffnen und auch die Erfahrung der Bewegung selbst vergrößern. Es erinnerte mich an das „Authentic Movement“, wo man sich intuitiv aus den Impulsen heraus bewegt, ohne eine bestimmte Form erzeugen zu wollen. Anzunehmen, was man macht, ermöglichte es der Form, da zu sein oder sich auch plötzlich in etwas anderes zu verändern. Weil es keine Bewertung gab, war alles möglich. Ich dachte nicht an Raum und Zeit, während ich mich bewegte, was ich sonst immer tue. Ich beobachtete mehr meine Gedankenmuster und wie sie andauernd kamen. Ich versuchte einfach, mich in jedem Augenblick leer zu machen. Und die Frage entstand: Wenn ich meinen denkenden Geist loslasse, denkt dann mein Körper noch? Bin ich dann immer noch den Gewohnheiten meines Körpers ausgesetzt? Hat mein Körper doch die ganze Geschichte in sich, das Gelernte und seine Vorlieben. Kann ich verändern, wie ich mich bewege, indem mich meinen Geist verändere? Irgendwie liegt der Geist doch in den Muskeln und Knochen.

Ich glaube, für mich die größte Frage, die aufkam, war die nach der Form. Wenn mein Geist nicht denkt, denkt dann mein Körper? Wie denkt mein Körper? Ist mein Körper in der Lage, etwas zu produzieren, das er nicht kennt? Wie sehr bin ich meinen Bewegungsgewohnheiten unterworfen? Kann ich über mein gewohntes Bewegen hinausgehen? Kann ich meinen Körper ausweiten, wenn ich meinen Geist loslasse? Was bedeutet es, sich des bewegenden Körpers bewusst zu sein statt zu bewerten und darüber nachzudenken, wie man sich bewegt? Was verändert sich?

Was mich bei dieser Arbeit weiter noch herausforderte: Gleichzeitig vor Leuten, die zuschauten, sich zu bewegen, und noch dabei in der Aufgabe zu bleiben, den analytischen, denkenden und wertenden Geist loszulassen. Da ist soviel Konditionierung, wie man auf der Bühne zu sein hat, den Raum zu nutzen, nicht zu langweilen, Intentionen zu haben, nicht dummes Zeug zu machen, sich nicht zu bewegen um der Bewegung willen! Zugleich fand ich es befreiend, befreiend von all diesen Gewohnheiten. Dann war die Musik noch eine Herausforderung: Sie war etwas, das von außen kam. Wie bewegt man sich zur Musik und lässt sich nicht von ihr leiten,w ährend man nicht daran denkt? Weil wir doch so instinktiv auf Musik antworten. Gewöhnlich braucht es einige bewusste Entscheidungen, wie man sich zur Musik bewegt, ohne sich zu sehr davon beeinflussen zu lassen. Aber ich mag Musik. Es ist großartig, auf großartige Musik zu tanzen.

Für mich war das wesentliche Ergebnis der Arbeit, meinen Geist zu beobachten und zu sehen, wie er mein Erleben von Bewegung und Komposition beeinflusst – mehr als neues Bewegungsmaterial zu finden, das, so nehme ich an, sowieso geschehen würde oder auch schon geschah. Das Erleben war ganz unterschiedlich, ob der Körper sich bewegte und der Geist folgte – da spürte ich den Fluss und die Freiheit, oder ob der analytische Geist führte und der Körper folgte – da erlebte ich mehr Kontrolle, Augenblicke, wo ich nicht weiter kam, aber auch Klarheit. Jedenfalls hatte ich immer eine Bewusstheit von meinem Körper in seiner Bewegung, da war immer eine Art von kinästhetischer Bewusstheit in mir lebendig.

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Als weitere Tänzerin äußerte Denise Kastler ihre Gedanken in freier Form.

Nachdem ich im vergangenen Jahr an einem Workshop der beiden Choreographen teilgenommen hatte, ging ich davon aus, dass es intensiv werden würde. Es wurde dann insgesamt für mich eine durchkomponierte Reise mit Beginn, Höhen, Tiefen und kreativem Ende. Ich kam in den Tagen dazu, sehr viele andere, neue Bewegungen und Möglichkeiten auszuprobieren, an die ich zuvor nicht gedacht hatte. So fand ich drei neue Varianten, wie ich vom Rollstuhl auf den Boden gelangen kann. Mir wurde bewusst, dass ich oft die Befürchtung hatte, andere mit dem Rollstuhl zu verletzen, sei es weil ich ihnen über den Fuß fahre oder wenn ich falle; wenn ich deswegen die Bremsen feststellte, fühlte ich mich total blockiert und unbeweglich.

Es kamen viele Fragen auf, auch eine, die mich immer wieder und immer wieder neu beschäftigt: Ist der Rollstuhl beim Tanzen Teil meines Körpers? Wenn ja, wann empfinde ich ihn so und wann nicht? Wie verändert sich mein Tanzen durch die unterschiedliche Wahrnehmung? Andere Fragen waren: Wann und warum wird der Rollstuhl zum nicht integrierten Objekt und ich damit zwangsläufig auch – oder nicht? Welche Rolle spielt meine Sicherheit im Rollstuhl? Welche Bewegungen vermeide ich, weil ich Angst habe, herauszufallen? Gibt es Erweiterungsmöglichkeiten? Wie könnten die aussehen oder trainiert werden?

Die langen meditativen Übungen waren für mich sehr hilfreich, um mehr in die Körperwahrnehmung zu gelangen und von dort aus Bewegungen entstehen zu lassen. Das wurde über die Tage sehr behutsam vertieft. Der Gegensatz dazu, nämlich die eher von der Bewusstheit des Kopfes oder des Willens gesteuerte Bewegung auszuführen, ließ den Unterschied spürbar werden. Es war verblüffend mitzubekommen, welche Möglichkeiten und organischen Verbindungen mit anderen in der Gruppe durch ersteres entstanden, wie spielerisch der gemeinsame Tanz wurde. Das berührte mich sehr, denn seit meiner Kindheit hatte ich nicht mehr in dieser Weise „gespielt“ – also dass keine Vorbehalte und keine Ängste das Geschehen bestimmten und dass es ein Bezogen-Sein aufeinander gab. Mir wurde sehr deutlich, dass es nicht nur von mir abhängt, ob ein Miteinander gelingt, sondern dass dabei mitbestimmt, was und wie der oder die andere wahrnimmt. Weil es so gut gelang, das Wahrnehmen auf etwas sehr Ursprüngliches zurückzuführen (oder zumindest daran zu arbeiten), wurde so viel mehr an Miteinander und Bezogenheit möglich.

Ein entlastender und vieles ermöglichender Satz war für mich: „Die Form spielt erst mal keine Rolle!“ Vielmehr ging es darum, sich auf den anderen Körper einzulassen, ohne etwas zu erzwingen zu wollen. Es ging um eine Kommunikation der Körper und um ihre Empfindungsfähigkeit. Das war schon schwierig, in diesen Zustand zu gelangen. Für mich führte das zur Frage: Wie kann das geschehen, was kann ich dafür tun, um diesen Zustand zu erreichen? Gibt es Übungen über die angeleitete Meditation hinaus? Die Tage waren so, dass ich sehr an einer Weiterarbeit und Vertiefung interessiert bin.

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Was sonst an Stellungnahmen von den Beteiligten zurückgekommen war, wurde in seiner Vielstimmigkeit in einem Fragebogen zusammengefasst, ohne die Namen der Antwortenden im einzelnen zu kennzeichnen.

Was waren Euere Erwartungen vor den choreographischen Forschungstagen?

Ich hatte gedacht, dass es ein formaler Workshop sein würde und dass matanicola eine Choreographie ausarbeiten würden.

Ich erwartete, dass es am Ende eine ausgearbeitete Choreographie geben würde.

Von vorherigen Workshops mit matanicola hatte ich eine bestimmte Vorstellung, wie sie arbeiten. Besonders freute ich mich darauf, Bewegungen aus dem Körper heraus zu entwickeln.

Ich hoffte, erleben zu können, wie andere Choreographen künstlerisch an körperliche Vielfalt herangehen und wie sie es machen, allgemein einen Raum zu schaffen, der für Unterschiedlichkeit offen ist.

Meine Erwartungen bezogen sich darauf, dass ich mitkriegen würde, wie in einem fähigen Vorgehen Inklusion und zeitgenössischer Tanz zusammen kommen können, wie mit der Verschiedenheit der Kröper umgegangen wird, ihrer Gestalt, ihrem Alter, ihrer Nationalität, ihrer Lebens- und Tanzerfahrung.

Ich erwartete, mit anderen Leuten Ideen und Fantasien teilen und von ihnen lernen zu können.

Wie wurden Euere Erwartungen erfüllt?

Von Anfang an sagten die Choreographen, dass es um Forschung ginge, dass man sich frei und nicht bewertet fühlen sollte und dass es darum ginge, den Prozess gut voranzubringen.

Ich war überrascht, dass matanicola ausgedehnte Meditationen einsetzten, um vom Kopf weg und in den Körper zu kommen. Es entstand eine Wachheit und Aufmerksamkeit für den eigenen Körper und für die der anderen, die zugleich auch ein hohes Maß an Sicherheit gab.

Ich war davon überrascht, dass so tiefgehend gearbeitet worden ist, und das ließ mich entspannen und meine innere Energie erschließen. Mehr und mehr fühlte ich die Kraft der Stille in mir.

Indem matanicola sagten, dass es nicht die Form der Körper sei, die sie jetzt interessiere, sondern die Energie, schufen sie einen ganz eigenen Zugang zu einem Bewegen jenseits der Inklusion.

Ich habe viel gelernt, vor allem von den behinderten Künstlern. Es war anregend, ihre Offenheit und Hingabe zu sehen.

Es wurde von den Choreographen und der Gruppe sehr gut mit Material gearbeitet, das für alle zugänglich war.

Dank der Prinzipien, die die Choreographen ihrer Arbeit zugrunde gelegt haben, war es überflüssig über Inklusion zu sprechen, sondern wurde es möglich, etwas Gemeinsames zu entwickeln, indem am Körper und an der Bewusstheit angesetzt worden ist.

Ich bin matanicola dankbar, weil ich durch ihre Arbeit gelernt habe, meine Grenzen anzunehmen und darüber hinaus zu gehen.

Natürlich geriet ich an Grenzen. Was mir half, darüber hinweg zu kommen, war der Gedanke, dass es ein kreativer Prozess ist, bei dem es nicht ohne Emotion, auch Enttäuschung, Frust und Ärger möglich ist, etwas zu schaffen.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ein Hinterfragen nicht willkommen war.

Was sind Euere Überlegungen, wovon hättet Ihr gerne mehr gehabt?

Ich hätte mir gewünscht, dass eigene Anliegen der Teilnehmer_innen mehr aufgegriffen worden wären.

Ich würde das Projekt gerne fortsetzen und die Menschen noch tiefer kennen lernen.

Alles in allem bin ich sehr glücklich mit allem, was vorgeschlagen worden ist.

Da die Vorschläge von Anfang an sehr klar waren, habe ich sie angenommen und neugierig geschaut, was ich durch sie mit mir und der Gruppe erleben kann.

Ich hätte gerne gleich ein Video gesehen, um zu sehen, wie wir uns objektiv bewegt haben.

Ich hätte mir eine eindeutigere Unterscheidung zwischen Feedback und eigenen Überlegungen von Seiten der Choreographen gewünscht.

Der Prozess steht für sich, wie er ist. Ich will nicht dem nachgehen, was gefehlt hat, sondern mehr dem, was geschehen ist und was ich bekommen habe.

Was denkt Ihr, welchen Gewinn für Euere Praxis werdet Ihr daraus ziehen, dass Ihr an den choreographischen Forschungstagen teilgenommen habt?

Ich spüre eine größere Sicherheit und Selbstverständlichkeit in meinem Tanz. Dazu tragen sicher die Rückmeldungen bei, die ich erhalten habe.

Ich habe verstanden, wo Tänzer und ich feststecken und wo sie sich zu sehr bewerten. Es war eine Lektion darin, sich nicht zu bewerten, und die war wichtig!

Ich glaube, dass die Forschung mir einen neuen Raum für neue Wahrnehmungen und Bewegungen geöffnet hat, weil sie das Körpergedächtnis und die Gewohnheiten hinterfragt hat.

Ich fühle mich darin bestätigt, mich in meiner Bewegung auf die Empfindungen in meinem Körper zu beziehen und ihnen zu folgen.

Da es ein Ansatz war, der jenseits der Individualität arbeitet, kann ich mir vorstellen, einige Übungen zu übernehmen.

Ich werde weiter damit experimentieren, was es heißt zu handeln, bevor man sich entscheidet.

Ich will mich weiter damit befassen, was es heißt, zuzulassen, dass der Körper sich bewegt, wie er sich bewegen mag, und bewussste Entscheidungen zu treffen.

Mich beschäftigt die Frage, wie sich aus der Forschung eine lebendige Choreografie machen lässt, welches Verhältnis von festgelegten Bewegungen und nicht-festgelegten Bewegungen es braucht.

Da die Aufgaben sehr grundsätzlich die Verbindung von Körper und Geist betrafen, wie sie sich trennen und wie sie sich wieder zusammen fügen, war das Geschehen für mich als Person und als Tänzerin sehr wertvoll, es hat mir erlaubt, eine große Freiheit in meinen Möglichkeiten zu finden.

Aus der Begegnung mit der Gruppe und dem hohen Maß an Vertrauen und Wohlbefinden ziehe ich Gewinn.

Ganz sicher werde ich einen Gewinn daraus ziehen. Ich merke jetzt schon, welche Energie in mir ist. Das wirkt sich auch auf mein Privatleben aus.

Wollt Ihr irgendwelche anderen Bemerkungen machen?

Es war eine wertvolle Zeit, und ich schätze es sehr, dass ich teilnehmen konnte. Ich hoffe, diese Arbeit wieder einmal machen zu können.

Es hat Spass gemacht. Vielen Dank!

Vielen Dank! Ich würde diese Forschung sehr gern fortsetzen.

Es hat mir gefallen, dass matanicola die Forschungstage wirklich dazu genutzt haben, etwas zu erforschen. Es war zu merken, dass sie sich auch für sich selbst in ein Neuland begeben, wo ihnen mitunter selbst die Klarheit und die Worte gefehlt haben, was sie vermitteln wollen.

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Photo: Mario Gaab

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